David Holzinger – zwischen Bild und Objekt, Material und Struktur


David Holzinger ist Autodidakt, er hat kein einschlägiges Studium der Kunst absolviert. Diese Tatsache, die zweifelsfrei die Integration in den Kunstbetrieb allgemein nicht gerade erleichtert, gewährt andererseits dem Einzelnen aber auch gewisse Freiheiten, eine a priori Unabhängigkeit von den Konventionen künstlerischen Arbeitens und Denkens.

David Holzinger ist in Kärnten aufgewachsen und lebt nach wie vor in diesem Bundesland, er hat sich künstlerisch jedoch vollkommen der heimischen (speziell der Kärntner wie allgemein aber auch der österreichischen) Kunsttradition entzogen, die als vordererst dem Figürlichen, dem Malerischen, dem Emotional-Expressiven und Koloristischen zugewandt beschrieben wird. David Holzingers künstlerische Fragestellungen kreisen vielmehr um Themen, die sich aus einem abstrakten malerischen Ansatz ergeben. Und der Künstler arbeitet frei nach seinen eigenen Bedürfnissen und Impulsen.

Zentral geht es David Holzinger in seiner künstlerischen Arbeit um rein bildnerische Fragestellungen, um eine Auseinandersetzung mit dem Werkbegriff an und für sich und speziell mit dem künstlerischen Material und seinen strukturellen Möglichkeiten. Wenn man dafür einen Orientierungs- bzw. Anknüpfungspunkt finden möchte, so kann das für David Holzinger allenfalls der Kärntner Künstler Hans Bischoffshausen sein, der in den 1960er-Jahren in Paris in Verbindung zu ZERO und in Kontakt mit Lucio Fontana sein reduktives, minimalistisches, abstraktes Werk entwickelt hat (das nach seiner Rückkehr nach Österreich in den 1970er-Jahren aber vorerst so gut wie ohne Widerhall verblieb). Heute, längst durch eine jüngere Generation eingeholt, die sich an den Leistungen der (internationalen) Nachkriegsavantgarde orientiert und diese wie selbstverständlich weiter entwickelt hat, gilt die Position als etabliert und kunsthistorisch fundamentiert. In Kärnten selbst war Bischoffshausen durch sein Œuvre, auch im öffentlichen Raum, kontinuierlich präsent und hat bis heute bereits Künstler mehrerer nachfolgender Jahrgänge geprägt, von Ferdinand Penker und Julian Taupe bis Michael Kravagna, Manfred Mörth oder Eric Kressnig. Auch in den Arbeiten von David Holzinger finden sich unübersehbar unterschiedliche Referenzpunkte, sei es im zurückgenommenen Ansatz, in einer gewissen Neigung zur Monochromie und vor allem in der Auseinandersetzung mit dem Material und der Struktur sowie in der Tendenz zu Räumlichkeit, von der (Ober-) Fläche zum Objekt. Dazu kommen klar-amerikanische Errungenschaften der abstrakten Malerei, Elemente des Colorfield Paintings, die Prinzipien von All Over oder Shaped Canvas, die auch das Werk von David Holzinger beeinflussen – selbstverständlich überformt durch mannigfaltige postmoderne Modulationen.

Die künstlerische Arbeit von David Holzinger ist ohne Gegenstandsbezug, ohne Relation zur sichtbaren Außenwelt, sie bezieht sich auf rein werkimmanente Dispositionen und wächst aus deren konsequenter Analyse. In stetiger Abfolge ergibt eine Überlegung, eine Idee, ein Schritt den nächsten, ein Resultat den Impuls für einen weiteren, folgenden Versuch. So bilden sich die unterschiedlichen Serien innerhalb des Œuvres heraus.

Der Ausgangspunkt der Arbeiten ist immer die zweidimensionale Fläche des Bildgevierts, die zur Diskussion steht (auch wenn diese rasch zugunsten räumlicher Varianten überwunden werden), sei es das Papier, die Leinwand, Sperrholzplatten oder Holzstücke, und es sind die verschiedensten Mittel der formal-ästhetischen Gestaltung in einer ungewöhnlichen und großen Bandbreite von den klassischen Malfarben Acryl und Öl, über Dispersionsfarbe und Lack, verstanden als körperhafte, formbare Substanzen, bis hin zu Sägespänen, Klebebändern, Baumwollfäden oder Leinenstoffen mit ihren unterschiedlichen haptischen und optischen Eigenschaften, die im Mittelpunkt des künstlerischen Interesses stehen und die es zu befragen gilt. Ebenso bedeutsam und weitgefächert sind die Werkzeuge und ihre spezifischen Möglichkeiten, die zum Einsatz kommen: Pinsel, Stifte, Rakel, Messer, Schere und manchmal sogar der Bunsenbrenner.

Vielmehr als David Holzinger zeichnet und malt, baut und werkt er, mit Engagement und Mut setzt er die Dinge ein, die ihm in seinem Atelier zufallen, und geradewegs wie sie ihm dienlich erscheinen. Er schraubt und klebt, mischt und schüttet, schneidet und bindet, reißt und brennt, zerteilt Vorgefertigtes, ergänzt es und setzt Neues zusammen.

David Holzinger geht unkonventionell und nonchalant an seine Arbeit heran. Nichts entspricht den Erwartungshaltungen und den herkömmlichen Kategorien der Malerei, deren Potenzial und Grenzen vielmehr herausgefordert, ihre Möglichkeiten reflektiert, in einem konzeptuellen Rahmen analysiert und erweitert werden. Dazu bedient sich der Künstler unorthodoxer Mittel in ebenso ungebräuchlicher Weise, arbeitet in großer Kreativität, virtuos, losgelöst von klassischen Vorgaben was Materialien, Techniken und Methoden betrifft, stellt die gefestigten Größen von Bild, Fläche und Gegenstand nicht nur in Frage, sondern völlig auf den Kopf und findet so zu Ergebnissen, die ebenso herausfordernd und erfrischend ungewöhnlich erscheinen. Imposante und einfallsreiche Resultate, die sich zwischen Zwei- und Dreidimensionalität, zwischen Fläche und Raum, Bild und Objekt entwickeln.

Am Anfang seiner künstlerischen Tätigkeit entwickelt sich die Arbeit von David Holzinger schwerpunktmäßig am Papier und, zum geringeren Teil, parallel auf der Leinwand. Es entstehen mehr oder weniger klassische gegenstandslose Grafiken kleinen und mittleren Formates, feinnervige Handzeichnungen mit Tuschestiften und Aquarellfarben oder Marker, in denen sich von Beginn an eine Tendenz zur (häufig geometrischen) Strukturierung der Fläche einerseits und andererseits zum formlosen und zufallsgeleiteten, farbigen Experiment abzeichnet – zwei gegenläufige Methoden, die bewusst gleichzeitig und überschneidend zu spannungsreichen Konzeptionen zusammengeführt werden. Beides, geplante Struktur und freies Experiment, Ordnung und Zufall, Ratio und Emotion, bleiben werkbestimmend. Nie läuft die Arbeit auf Eindeutigkeit hinaus, nie gibt es eine einfache Lösung oder eine klare Antwort, vielmehr liegt das Ergebnis im Antagonismus, methodisch wie auch im bildnerischen Resultat. Schwarz trifft auf Weiß, Gestisches auf Geometrisches, Fläche auf Raum, Ordnung auf Chaos, Homogenität auf Heterogenität, Hermetik auf Durchlässigkeit, Konstruktion auf Destruktion, Harmonie auf Dissonanz. Eine Antwort verlangt eine neue Fragestellung, eine Handlung die nächste. Nichts bleibt einfach stehen wie es ist. Und diesen stringenten Dialog, den der Künstler mit seinem Medium führt, exerziert er in seinem Schaffen, gleich einer prozesshaften Forschung, die der Herstellung von Neuem, von Ungeahntem dient, von Handlung zu Handlung, von Werk zu Werk, von Serie zu Serie.

In der künstlerischen Arbeit von David Holzinger geht es um Organisation bzw. Komposition auf der Fläche des Bildgevierts, um Zentralisation oder gegenteiliges All Over, um Reihungen, vorzugsweise um geometrische, horizontale Teilungen der Bildfläche, um Proportionen, Maße und Volumina, aber auch um räumliche Schichtungen und Überlagerungen, von Farben und Materialien, die dann, durch ein eingreifendes Element, meist ein kleines Detail, eine partielle Handlung, durch Abtragen oder Aufbringen, konterkariert und in ihrem Wesen sicht- und begreifbar gemacht werden. Auf diese Art legt der Künstler Spuren – Spuren des künstlerischen Tuns, der Intervention, und Spuren der Reflexion, der künstlerischen Möglichkeiten von Material und Form, stellt Fragen nach dem Werk und seinen Bedingungen, prüft die herkömmlichen Kategorien und findet neue.

Wichtig sind die Überlegungen zur Werkgenese, wie und durch was etwas zustande kommt, sich verändert, sich wandelt, auch vergeht, um auf neue Weise wieder zu entstehen. Der Verlauf und die Zusammenhänge sind bedeutsam.

Die Regeln, ihre Systematik sowie die Möglichkeiten ihrer Modulation – quasi als künstlerischer Handlungsspielraum – gilt es zu durchleuchten, auszuschöpfen und neu zu definieren.

Gemeinsam ist allen Arbeiten ein grundlegendes, expansives Moment, das auf unterschiedlichen Ebenen in Erscheinung treten kann: In der visuellen Struktur auf der Bildebene, die sich bis an die Ränder hin flächenfüllend ausbreiten kann oder in seriellen Abfolgen, in der Aneinanderreihung von (horizontalen) Kompartimenten. Ebenso zeigt sich diese Tendenz im Umgang mit dem Material, in der Verwendung von körperhaften Substanzen, wie Mischungen von Lack und Acryl, in den haptischen Mitteln sowie konkret auch im Aufbau der Werke, im Übereinanderschichten mehrerer Ebenen von unterschiedlichen Malmitteln, von Papier oder Leinwänden, von Holz und anderen Stoffen. Der ursprünglich flache Bildgrund wird voluminös vergrößert. Seine Gestaltung breitet sich über die Oberfläche hinaus in den Raum und über die Kanten hinweg aus. Öffnungen des papierenen oder leinenen Grundes durch Schneiden, Kratzen, Reißen, Falten, Klappen und Aufrollen zeigen neben glatten Schnitten und bloßen Löchern auch plastische Gebilde, fragile Formen, kleine, bizarre Skulptürchen, die Schattenspiele und ephemere optische Phänomene erzeugen, und die das Werk dermaßen räumlich bestimmen. Sie machen darunter liegende Schichten sichtbar und erschließen den Umraum, ergänzt durch das Aufbinden und Spannen von Fäden das Kleben von Streifen und Bändern, die Flächen teilen, Proportionen stören und neue, meist gegenläufige Ordnungen etablieren. Sie unterstreichen die körperhafte Ausweitung, die Transformation des ursprünglich zweidimensionalen Bildträgers in einen dreidimensionalen Gegenstand.

Auf diese Weise entstehen formal-ästhetische, poetische und lyrische Werke, zugleich handelt es sich um konzeptuelle Ergebnisse faktisch-sachlicher Untersuchungen, deren Vermögen auf der Sprache der elementaren Mittel von Material, Farbe und Form beruht und die gleichzeitig – als Vehikel der Reflexion, Erkenntnis und Wahrnehmung – über ihre Herstellung, Qualitäten und Spezifika berichten.


Christine Wetzlinger-Grundnig