Gerissen, geschnitten, gebrannt.

David Holzingers Interventionen am Leinwand-Körper


„Ich betrachte meine Werke nicht wirklich als Öl auf Leinwand, sondern vielmehr als Öl auf einem Körper. Durch das Schneiden/Reißen/Kratzen und das Übereinander-Legen der einzelnen Schichten fühlt es sich mehr so an als wären es Objekte...“ (David Holzinger)

Das seit 2010 entstandene Werk des Kärntner Künstlers David Holzinger lässt sich als abstraktes Frage- und Antwort-Spiel beschreiben. Stets aufs Neue scheint der Künstler wissen zu wollen: Welche Gestalt kann ein abstraktes Bild heute annehmen? Als gestalterische Mittel dienen Holzinger nicht nur der simple Farbauftrag, sondern auch Praktiken des Reißens, Schneidens, Kratzens und Brennens, Techniken also, die gemeinhin latent aggressive, gegen den „Leinwand-Körper“ gerichtete Untertöne vermuten lassen würden, dabei jedoch zu ästhetisch höchst ausgegorenen Kompositionen führen.

2001 beginnt David Holzinger zu zeichnen – jeden Tag nach der Schule. 2007 verkauft er eine Collage an seinen Zeichenprofessor am BORG. Ab 2010 lässt sich eine stringente Werkentwicklung ablesen. David Holzingers Palette macht dabei eine stete Erweiterung durch. Er habe „immer schon in allen Farben gearbeitet“, gibt der Künstler zu Protokoll. Die allerersten Arbeiten weisen sogar extrem starke Farbigkeiten auf und wirken wie von der Street und Urban Art inspiriert, oft sind hier auch Schriftzeichen oder aufcollagierte Schnipsel aus Magazinen und Zeitungen auszumachen. Ab 2015 organisiert Holzinger seine künstlerische Arbeit in großen Zyklen und findet unter dem vielversprechenden Titel „Befreiung“ hin zu einer Bildsprache, die von Rinnsalen, Farbschlieren und grafischen Versatzstücken dominiert wird. Der Zyklus „Entstörung“, den er Ende 2015 beginnt, weist zum ersten Mal Interventionen am Bildträger jenseits von Pinsel und Farben auf: Spuren von Verbrennung und das Arbeiten mit Asche auf dem Bildträger sind typisch. Während diese beiden Zyklen von einer expressiven Farbigkeit gekennzeichnet sind, bewegt sich der Zyklus „Discretio“ in eine ganz andere, beruhigtere Richtung. In vorwiegend hellen Tönen gehalten, oft monochrom, setzt Holzinger hier Ende 2016 seine momentan allgegenwärtigen Praktiken des Kratzens, Schabens und Reißens erstmals ein. Aus dieser Zeit stammen auch die frühesten in dieser Publikation abgebildeten Werke. Cutting through – wie David Holzinger seine Interventionen am Leinwand-Körper zusammenfassend nennt – scheint für den Künstler einen buchstäblichen Durchbruch zu bedeuten; ein Weg – sein Weg – mit der Leinwand umzugehen, den er in den verschiedensten Ausformungen seither beibehalten hat und wohl auch so schnell nicht wieder vor hat zu verlassen

Die Materialien, die David Holzinger für seine künstlerische Arbeit verwendet, sind vielfältig. Er malt mit Acryl, Lackfarbe und zuletzt auch Ölfarbe, als Trägermaterial dient Leinen genauso wie Büttenpapier. Holzingers vordergründig destruktive Techniken bilden den roten Faden. Das mit Lack collagierte Büttenpapier zeigt indexikalische Spuren der Zerstörung und gibt den Blick auf die darunter befindlichen Farbflächen frei. Auf Leinen entwickelt der Künstler ein ausgeklügeltes plastisches System. Auch hier offenbart die in horizontale oder vertikale Schichten strukturierte Leinwand immer wieder den Blick auf tieferliegende Farbaufträge. Während in den gekratzten Papierarbeiten der Zufall zu regieren scheint, das finale Bildergebnis nicht letztgültig beeinflusst werden kann und die Kratzspuren Einlass suchen in einen Bildträger, der sein Geheimnis vor der betrachtenden Instanz scheinbar bewahren will, verhält es sich im Falle der Leinwand-Arbeiten genau umgekehrt: Die diversen Schichten öffnen sich geradezu bereitwillig, um ihre „Geschichte“ den Betrachtenden anzuvertrauen. Jedes Werk von David Holzinger zeigt im besten Sinn des Wortes einen Einblick in den Vorgang des künstlerischen Arbeitens. Entstehungszeit und -prozess werden transparent gemacht. Vor uns befindet sich nicht nur ein finales Werk, sondern wir werden Zeuge des Weges, den der Künstler zurückgelegt hat, um dorthin zu kommen.

Die Vielfalt von David Holzingers Materialien findet auch in seiner Palette eine Fortsetzung: Während die fein gesprühten, fragilen Arbeiten aus 2016 noch eher helle, monochrome Farbigkeiten aufweisen, halten 2017 verschiedene Rot- und Pink-Töne sowie Grundfarben wie Gelb und Blau Einzug, die sich auch in den Kratzungen auf Papier zeigen. In den jüngsten Arbeiten von 2018 arbeitet David Holzinger vermehrt mit Schwarz, das immer wieder mit kräftigen Pink- und Ockertönen konterkariert wird. Ein Gemälde sticht beim Betrachten der Bildstrecke dieses Buches besonders ins Auge: das großformatige blaue Bild Ohne Titel, 2018. Es ist eine majestätische, feierliche Leinwand, auf der ein heraldisches Blau in allen Tönen changiert, das von einer schmalen und einer breiteren Spur durchzogen wird, auf deren Grund sich goldene Farbtöne (eigentlich die Rückseite von grundiertem Naturleinen) finden. Auch hier wendet der Künstler seine Praxis des Reißens der Leinwand an, es wird jedoch nichts dem Zufall überlassen – wie zuvor etwa bei den Kratzungen. Ein bestimmter und souveräner Vorgang bricht sich Bahn, eine Beruhigung breitet sich aus – wohl nicht von ungefähr ist dieses Bild kurz vor der Geburt von David Holzingers Sohn Theo im Frühsommer 2018 entstanden.

Will man David Holzingers Werk in einem größeren Kontext der Kunstgeschichte situieren, so ist offensichtlich, dass er sich eingehend mit der Geschichte der Malerei beschäftigt hat, sein bis zum jetzigen Zeitpunkt entstandenes Werk strotzt geradezu vor Querverweisen auf zahlreiche Künstler des 20. Jahrhunderts. Wenn Lucio Fontana ab Ende der 1940er Jahren seine Leinwände bereits perforierte und dann ab 1958 mit seinen berühmten Tagli (Schnitte) öffnete, so sind Holzingers Schnitte und Risse, die er am Leinwand-Körper anbringt, weniger Öffnungen des Bildträgers hin in den Raum als vielmehr Maskeraden des Bildträgers seiner selbst. Die strukturellen Schichten, die der Künstler erzeugt, zeigen Möglichkeiten auf, Identitäten, die das Bild annehmen könnte. Wie Gesteinsschichten trägt David Holzinger Leinwand um Leinwand auf, um sie aufzuschlitzen, abzulösen und erneut zu schließen. Er arbeitet hierfür zumeist mit dem Skalpell, aber auch gerissene und gebrannte Kanten sind häufig. Die materialbezogene Malerei des Kärntner Künstlers Hans Bischoffshausen ist für David Holzinger ein klarer Referenzpunkt. David Holzinger spricht weniger über Leinwände, sondern eher von „Körpern“ – tatsächlich arbeitet er oft nicht mit Keilrahmen, sondern mit Holzkästen, die er mit Leinen bespannt. Die Kombination von Körper und Schnitt lässt auch eine gewisse Nähe zu den Arbeiten von Günter Brus vermuten, der für seine Körperanalysen ebenso wie Holzinger oft das Skalpell zum Einsatz brachte. In ihrer taktilen Qualität lassen die Leinwände von David Holzinger in der Tat oft an Hautoberflächen denken: Zurechtgeschnitten, gerissen und gebrannt erzählen sie von einem Prozess, einer Veränderung, einer Geschichte – und erinnern dabei mitunter auch an Wunden, die geöffnet und geschlossen werden.

Die Wichtigkeit von Berührung, ein durchaus als „handwerklich“ zu bezeichnender Ansatz, und die Hinwendung zum Material sind nicht nur typisch für das Werk von David Holzinger, sondern finden sich in den letzten Jahren in der zeitgenössischen Kunstproduktion allerorts wieder. Während uns im digitalen Zeitalter jeden Tag unzählige Bilder wie ein Bienenschwarm umgeben, überrascht es nicht, dass sich in der Gegenwartskunst eine genau gegenteilige Entwicklung abzeichnet. David Holzingers Leinwand-Körper stehen nicht nur für einen dreidimensionalen, plastischen Ansatz, sondern zeugen auch von einer sehr persönlichen Herangehensweise. Jede Arbeit wird mit einer Art Physis ausgestattet. Der Bildaufbau, das Auftragen und Übereinanderlegen von verschiedenen Leinwandschichten, bedingen, genau wie der „Bildabbau“ – das Wegschneiden, Abreißen, Aufkratzen und Verbrennen – diesen Körper. Der schöpferische Akt, die Hand des Künstlers – David Holzinger gibt diesen althergebrachten Konstanten der Kunstproduktion den Vorzug. Und das ist im Jahr 2019 kein Anachronismus, sondern schlichtweg die postdigitale Gegenbewegung zu immer schneller werdenden Bildwelten, die sich weder materialisieren lassen noch erfühlt bzw. ertastet werden können.


Lisa Ortner-Kreil