Ein Versuch über Kunst und Leben
David Holzingers Metamorphose


Was hat die Kunst mit dem „Leben da draußen“ zu tun? Kann uns Kunst eine Lektion erteilen? Uns zum Nachdenken anregen? Uns gar einen Ratschlag geben? Als Kunsthistorikerin muss man schon von Berufswegen her auf diese Fragen mit „Alles“ und „Ja“ antworten. Metamorphose – Vom Zellhaufen bis in die Kiste von David Holzinger pariert diese Fragen mit den Mitteln der Kunst.

Metamorphose ist ein vierteiliges Werk: Es besteht aus einer weißen Leinwand, deren rechte untere Ecke aufgeschnitten wurde und den Blick auf eine in zartem Rosa gehaltene Fläche, die von fragilen Kreisen überwuchert wird und eine Art Zellhaufen darstellt, freigibt. Eine weitere schwarze Leinwand erinnert an ein Palimpsest und weist mehrere dunkle horizontale Schichten über einem pinken Untergrund, der im oberen Drittel leicht durchkommt, auf. Zentral zwischen den beiden Leinwänden ist ein grau gerahmter Spiegel positioniert. Die Leinwände und der Spiegel haben dasselbe Hochformat und sind nicht an der Wand installiert, sie lehnen vielmehr an dieser, was einen leicht provisorischen Charakter bedingt, an menschliche Körpermaße erinnert und eine buchstäbliche Begegnung auf Augenhöhe mit der Kunst ermöglicht. Diesen drei „Körpern“ ist eine Urne an die Seite gestellt, die, so gibt der Künstler im dazugehörigen Künstlerbuch Auskunft, die Asche von drei Schwester-Objekten enthält, die spiegelverkehrt angefertigt und dem „Tod“ durch Verbrennen zugeführt wurden.

Während sich die weiße und die schwarze Leinwand nahtlos in David Holzingers bis dato entstandenes malerisches Œuvre einfügen, stellen der mittig platzierte Spiegel und die Urne Ausnahmen dar und sind bis heute Monolithen geblieben. Wie zwei „Tools“, mit denen sich in jedem Menschenleben früher oder später Berührungspunkte ergeben, komplettieren der Spiegel und die Urne die Arbeit, lassen sie dabei jedoch auch konzeptueller erscheinen, als es Holzingers restliches Werk tatsächlich ist. Metamorphose bricht den Kreislauf des Lebens auf zwei Bilder und zwei Objekte herunter, die gerade wegen ihrer Schlichtheit einen universalen Anspruch erheben.

er Fluss der Zeit, den die abstrakte Malerei aufgrund ihrer Gegenstandslosigkeit seit jeher angetreten war außer Kraft zu setzen, wird zum direkten Bestandteil des Werks. Im Verborgenen der weißen Leinwand findet „unter der Haut“ das Geheimnis der Empfängnis statt, das sogleich anhand eines vertikalen und eines horizontalen Schnitts gelüftet wird. Während also auf der hellen Leinwand etwas sichtbar gemacht wird, hält sich die schwarze Leinwand, auf der David Holzinger mehrere Schichten Leinwand übereinandergelegt und wieder abgelöst hat, bedeckt. Die Spuren dieses Vorgangs sind deutlich sichtbar und teilen das Bildgeviert in mehrere horizontale Abschnitte, ähnlich den Lebensringen eines Baumes.

Als würde der Leinwand-Körper von innen glühen, schimmert zwischen den Schichten ein schmaler Farbstreifen in pink durch. Ein nobles, zurückgenommenes, jedoch auch tieftrauriges Bild, das Assoziationen mit Ende und Tod aufkommen lässt, der jedem Leben eingeschrieben ist und hier für die Zukunft steht. Der Spiegel stellt die Zeitebene des Hier und Jetzt dar. Der Maler Gerhard Richter beschreibt den Spiegel als „...das einzige Bild, das immer anders aussieht. Und vielleicht auch ein Hinweis darauf, dass jedes Bild ein Spiegel ist.“1In Anwesenheit des Spiegels, so scheint es, brauchen wir keine Malerei: Sie verkörpert Vergangenheit und Zukunft, die Gegenwart jedoch, in Form des Spiegels, präsentiert sich als ein in steter Bewegung gehaltenes und damit auch dauerhaft aktualisierbares, „perfektes“ Bild. Die Urne schließlich wirkt wie ein Resumée, ein Kondensat des Gewesenen und gewissermaßen auch überzeitliches Element.

Kunstproduktion und -betrachtung finden immer mit dem Bilder-Reservoir, das man in sich trägt und das aus dem besteht, was man schon gesehen hat, statt. David Holzinger ist Autodidakt, interessiert sich aber tiefgehend für die Geschichte und Entwicklung der Malerei des 20. und 21. Jahrhunderts. So überrascht es nicht, dass etwa die weiße Leinwand eine Nähe zu Gerhard Richters Gemälde umgeschlagenes Blatt von 1965 aufweist. Wie kein anderer Künstler seiner Zeit stellt Gerhard Richter seit mittlerweile fast 60 Jahren die Frage, was ein Bild sei und leisten könne. Während Richters umgeschlagenes Blatt jedoch ein Trompe l’Œil ist – Richter hat hier die nach hinten geschlagene Ecke eines Papierblocks täuschend echt gemalt – interveniert David Holzinger direkt auf der Leinwand, indem er sie aufschneidet und ein Dahinter zu sehen gibt. Die schwarze Leinwand hingegen lässt stark an Ad Reinhardts schwarze Bilder denken und an „Malerei nach dem Ende der Malerei“ (Johannes Meinhardt). Reinhardt wollte alles Gestische, Expressive und Subjektive aus der Kunst verbannen und eine purity of abstractionerreichen. Entgegen zu Reinhardts flatness haben wir es bei Metamorphose jedoch mit einer von organischen Strukturen überwucherten Oberfläche zu tun, die wiederrum Anleihen bei der materialbezogenen Malerei etwa eines Hans Bischoffshausen nimmt. Während die helle Leinwand nun den Aufbau einer Zellstruktur und damit die Entstehung von Leben suggeriert, zieht sich die dunkle Leinwand regelrecht aus dem Leben zurück, löst sich auf, zerfällt, gibt nur noch Reste von dem, was war, zu erkennen.

„Memento mori - Sei Dir Deiner Sterblichkeit bewusst!“ scheint uns die Arbeit von David Holzinger zuzuflüstern. Und weiter: Das Leben passiert im Hier und Jetzt, in diesem Moment – womit auch die anfängliche Frage, inwiefern Kunst als Ratgeber für das echte Leben fungieren kann, obsolet ist.


Lisa Ortner-Kreil

Metamorphose, Galerie 3, Klagenfurt am Wörthersee, 2018
Metamorphose, Galerie Freihausgasse, Villach, 2018